Svizzera

Überbezahlte Kirchenfunktionäre trotz leerer Kirchbänke

Während die Löhne der Pfarrer tendenziell sinken, kassieren die kantonalen Kirchenfunktionäre laut der «Schweiz am Wochenende» stattliche Gehälter. Top-Verdiener ist der Zürcher Ratspräsident Michel Müller

Für sein Vollamt erhält Müller pro Jahr 217’178 Franken Lohn. Dicht hinter ihm folgt Andreas Zeller, Synodalratspräsident der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, mit einem Gehalt von 203’500 Franken. Fast eine Milliarde Franken sprudelt jährlich durch Kirchensteuern von Privatpersonen und Firmen in die reformierten Kirchenkassen – ein grosser Teil davon auf das Konto der Kirchenvertreter.

Überrissene Löhne
Die Gehälter versetzen linke Politiker in Aufruhr. «Gott zahlt offensichtlich sehr gut», spottet Juso-Präsidentin Tamara Funiciello. Für so hohe Gehälter gebe es keine Rechtfertigung. «Der gesellschaftlichen Entwicklung, dass sich einige wenige Personen an der Top-Spitze bereichern, entzieht sich die Kirche offenbar nicht.» Wer Kirchensteuern entrichte, solle sichergehen können, dass die Kirche die Beträge in soziale Angebote investiere. «Flüchtlinge und Arbeitslose haben die Unterstützung der Kirche dringender nötig als ihre Funktionäre.» Auch SP-Nationalrätin Silvia Schenker kritisiert die Gehälter. Die Kirchen hätten das Unterstützungsangebot im sozialen Bereich angesichts der zunehmenden Kirchenaustritte zurückfahren müssen, sagt sie. «Dienen Kirchensteuern primär dazu, den Funktionären überrissene Löhne zu bezahlen, ist das sehr fragwürdig.»

Traurige leere Kirchbänke
Die leeren Kirchenbänke am Sonntag stimmen Kirchenvertreter traurig. «Es schmerzt mich und es tut mir leid, dass sich viele Leute in den Kirchen nicht zuhause fühlen», gestand Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK) einst anlässlich eines Kongresses in Leipzig. Geldsorgen müssten dem dreifachen Familienvater dagegen fremd sein. Pro Jahr verdient er 220’000 Franken brutto, exklusiv Spesen wie Kurzstrecken-Flüge in der Business-Klasse. Auch liberale Nationalräte stellen die Löhne infrage. Die Kirchen würden immer leerer, sagt FDP-Nationalrat Thierry Burkart. «Bei derart hohen Löhnen stellt sich die Frage, ob die Kirche wirklich noch für die Menschen da ist.» Er betont jedoch, dass niemand gezwungen ist, Kirchensteuern zu bezahlen. «Wer ein Problem mit den Gehältern hat, kann immer noch austreten.»

«Nur mit Ehrenämtern kommt auch die Kirche nicht vorwärts»
Andere Politiker hingegen halten die Saläre für gerechtfertigt. «Es ist schwierig, gute Führungskräfte für die Kirchen zu bekommen», sagt CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter. Damit die Kirche ihre wichtige Funktion weiterhin wahrnehmen könne, brauche es Führungspersonen, die die Kirche in eine positive Zukunft führen könnten. «Nur mit Ehrenämtern kommt auch die Kirche nicht vorwärts.» Im Verhältnis zu den Löhnen, die in vergleichbaren Positionen in der Wirtschaft ausbezahlt würden, seien jene der Kirchenfunktionäre massvoll. Auch SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel unterstützt die Beträge. «Wenn die Chefs ihre Arbeit recht machen, haben sie diese Löhne verdient. Wenn nicht, gehören sie entlassen – wie in der Privatwirtschaft auch», sagt er. Der Rückgang an Kirchengängern sei kein Grund, die Höhe der Gehälter anzuzweifeln. «Die Kirchen leisten auf seelsorgerischer Ebene vielfach sehr gute und wichtige Arbeit.»

Arbeiten für Gottes Lohn
Daniel Reuter, Vizepräsident des Rates des Schweizerisch Evangelischen Kirchenbunds, verteidigt die Löhne. «Gewissermassen arbeiten die Kirchenfunktionäre für Gottes Lohn», sagt er. Sie seien mehr engagiert als prozentual vorgegeben und bewiesen hohe Flexibilität. «Wir haben eine soziale Verantwortung und sind sofort zur Stelle, wenn man uns ruft.» Solange die Kirche öffentlich-rechtlich anerkannt sei, müssten ihre Vertreter mit kantonalen oder kommunalen Exekutivämtern vergleichbare Löhne erhalten. «Zudem haben die Präsidenten keine goldenen Fallschirme, werden sie abgewählt.»

T.N.

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